SEGELN IM GOLF VON KORINTH
06/03/2020
1000 SEEMEILEN DURCHS IONISCHE MEER
06/09/2020
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LOSLASSEN UND NEU BEGINNEN

Mit viel Gepäck nach Athen

Es war vor zwei Wochen, als wir mit rund 200kg Gepäck in Athen gelandet waren. Ja, die Leute haben am Check-In in Zürich grosse Augen gemacht, als wir am 20. Juli mit unseren geklebten Kartons angerollt kamen. Aber hat alles tadellos geklappt.

Kartons sind praktisch, weil man sie nachher wegschmeissen kann. Zur besseren Stabilität mit Duct Tape verstärkt.

In Athen wurde Andy per Zufallsprinzip für einen Corona-Test rausgenommen, dessen Resultat wir bis heute nicht erfahren haben. Das ist vermutlich ein gutes Zeichen.

Wohnung Komplett-Reset

Vor dem langersehnten Flug nach Athen lagen zwei extrem stressige Wochen in Gossau. Wir haben unser gesamtes Hab und Gut verlesen, viel entsorgt, manches verkauft oder verschenkt, und einiges in Kisten verpackt und bei Freunden in Uzwil auf dem Estrich gestapelt. Ja und dann noch die Wohnung geputzt und abgegeben, Auto verkauft, Steuern erledigt, Abmeldung bei der Gemeinde in Gossau getätigt und tausend andere Kleinigkeiten von der TO DO-Liste abgehakt. Zum Glück hatten wir Hilfe aus der Familie und von Freunden, so dass schlussendlich alles aufging. Bei den Freunden, wo auf dem Estrich unsere 40 Kisten lagern, haben wir im Keller ein Zimmer einrichten können, wo wir hausen dürfen, wenn wir mal besuchshalber in der CH sind. Wird voraussichtlich an Weihnachten der Fall sein.

Was nehmen wir mit auf Schiff? Was wollen wir in ein paar Jahren noch haben? Was brauchen wir wirklich nicht mehr?

Unser Hab und Gut auf dem Estrich bei Freunden.

Nebst dem Stress war es auch emotional keine einfache Zeit. Alles loslassen, letzter Arbeitstag, Abschied nehmen von Arbeitskollegen, -kolleginnen, Freunden, Eltern und Kindern, das ging unter die Haut. Zudem war es ein Schritt ins Ungewisse. Weder wussten wir, was uns in Griechenland genau erwartet, noch ob die erträumte Zukunft unsere Erwartungen erfüllen wird.

Zwei Wochen in der Werft

In Athen beluden wir unseren gemieteten Kleintransporter und fuhren die 200km nach Egio am Golf von Korinth. Für das Klarmachen des Schiffes bis zum Einwassern hatten wir uns knapp 2 Wochen Zeit eingeräumt und das war gut so.

Wiedersehen mit der EXTRA MILE nach einer langen Zeit.

Das Schiff stand 9 Monate auf einem Parkplatz einer Werft, und musste zuerst mal wieder gründlich gereinigt werden. Zudem hat Andy im letzten halben Jahr diverse Teile bestellt oder angefertigt, die es einzubauen galt. Auch liessen wir während unserer Abwesenheit das Schiff in einigen Belangen aufrüsten. Ein Faltpropeller wurde montiert (verringert den Widerstand beim segeln), das stehende Gut (= alle Stahlseile, die den Mast halten) wurden von einer Spezialfirma gewechselt und ein neues, leichtes Dinghi haben wir uns in Frankreich bestellt. So konnten wir uns bei der Ankunft an vielen tollen Gadgets erfreuen.

sehr geringer Schleppwiderstand beim Segeln mit einem Faltpropeller

Die Segel werden angeschlagen und hochgewincht.

Die Fender bekommen ihre frisch gewaschenen Socken.

Die Zeit in Egio war schön, streng und v.a. sehr heiss. Jede gesetzte Schraube, jeder gereinigte Ecke war eine Aufwertung dessen, was nun unser neues Zuhause ist, das macht Freude. Die Werft war direkt am Meer und wir badeten jeden Tag im kristallklaren Wasser. Die Abkühlung brauchten wir dringend bei Temperaturen bis 38 Grad… Es gab an der Promenade tolle Restaurants, wo man in Lounge-Atmosphäre für kein Geld super essen konnte. So fühlte es sich doch wie Ferien an, auch wenn wir pro Tag ca. 9 Stunden arbeiteten.

 

und immer wieder sehr schöne Sonnenuntergänge

Schrauben kaufen in Griechenland

(Andy schreibt) Fürs Schiff brauchten wir immer wieder irgendwelche speziellen Kleinteile und das in einer griechischen Kleinstadt zu besorgen, ist ein Abenteuer für sich. Mein Griechisch beschränkt sich auf „Jassas“ (Hallo, Hoi, Grüezi, Tschüss, Tschau, zum Wohl, Ich bin auch ein netter Grieche etc) und „Mythos, Fix, Alpha, Amstel“ (das sind hier die bekanntesten Biersorten…). Den Rest überlasse ich Google-Translator.

Wenn du also in einen griechischen Handwerkerladen kommst, dann sitzt hinter der Theke in der Regel der Besitzer und raucht. Meist ist das ein älterer, etwas ungepflegter Herr, der ein mürrisches Gesicht macht, wenn man rein kommt (vermuetli schiissts en a, dass er muess bedienen und nöd cha mit de andere Manne im Kaffi hocke …). Auch wenn es keine Kunden hat, ist der Besitzer im Laden aber nie allein. Da ist immer noch ein jüngerer Kollege, der mit ihm plaudert, ein moderner Hipster-Grieche mit Vollbart, der oft gut Englisch spricht. So entwickelt sich nach dem obligaten Jassas, Jassas, Jassas ein konstruktives Gespräch zu viert, denn nebst den anwesenden Personen leistet die virtuelle Susi vom Google-Translator einen wertvollen Beitrag zur gepflegten Konversation. Super praktisch das App! Man schwatzt auf Deutsch rein und es kommt Griechisch raus. Man hat zwar keine Ahnung was Susi sagt, merkt es dann aber an der Reaktion der Leute.

 

Der Alte nickt, legt sein Zigarette weg und kramt in irgendeiner Schublade. Unterdessen gibt mir der Hipster-Grieche wertvolle Tipps zu meinem Kühlschrank-Projekt. Bald ist der Alte wieder da und hat genau die benötigten Schrauben 5mm Blechschrauben, aber leider nicht Inox (rostfreier Stahl), nur normaler Stahl. – Das ist zwar suboptimal, weil die Dinger im Kühlschrank rosten werden, aber ich nehme sie, werde später irgendwo die Schrauben in Inox-Qualität finden und wechseln. Nach 20 Minuten habe ich alle Schrauben, Unterlagsscheibchen, Muttern in der gewünschten Dimensionierung zusammen. Der Alte zählt nicht, gibt mir immer eine handvoll, auch wenn ich sage, ich brauche nur vier Stück. OK, und was kostet nun der Sack voll Kleinteile? – 1 Euro, meint der Besitzer. Scheint mir etwas wenig und ich gebe ihm gerne zwei. Die müssen doch auch von etwas leben, die Griechen, finde ich. Beim Verabschieden meint der Hipster-Kollege, der Besitzer kenne in der Nähe einen Laden, wo man diese Schrauben in Inox-Qualität bekommt und gibt mir die Wegbeschreibung… 🙂 Ja, ja, die wissen, wie man Geschäfte macht!

Im zweiten Laden ist das Gespräch dann wesentlich einfacher. Ich lege ihm die vorher gekauften Schrauben auf den Tisch und sage: „Bitte diese Teile in Inox“, und bald habe ich was ich brauche.

Samstag 1. August: Einwassern und erstes Segeln

(Bea schreibt) Puah! Endlich ist es nun soweit. Wir haben so viel vorbereitet und heute geht es nun in das langersehnte Wasser und Abschiednehmen von Egio. Alles Seeklar gemacht, Lucken verschlossen und auch das letzte Mal Antifouling aufgestrichen an den Stellen auf denen unser Schiff nun fast 9 Monate «aufgebockt» war. Peter, der Werft-Manager, kommt nochmals zur Verabschiedung persönlich vorbei mit einer Flasche Rotwein und einem Riesen Topf mit Basilikum, smile…gegen Mücken und auch sonst….
Das Einwassern mit Strasse freihalten und dann ruckzuck sind wir auch schon im Wasser. Ein letztes Zurücksehen und Winken und….weg sind wir mit unserer «Extra Mile».

Das frisch polierte und mit Antifouling behandelte Schiff wird auf den Trailer geladen.

Der Verkehr wird angehalten und rückwärts gehts ins Wasser. Wir beobachten vom Schiff aus.

… und nebst den im Wasser spielenden Kindern wird ein 10 Tonnen Schiff zu Wasser gelassen. Jetzt gehts los!

Anfangs hat es nicht viel Wind, doch dies ändert sich schon bald. Die Segel werden gesetzt, und wir geniessen es wieder zu segeln. Der Wind ist sehr wechselhaft und wird immer stärker so haben wir schon bald 20 Knoten Wind und müssen die Segel reffen. Nach ca. 4 Std. kommen wir in Chiliadou an. Ich kann mich neu einspielen, was man genau macht um den Anker zu setzen und nachher die Winch mit der Ankerkralle zu entlasten, und Andy bedient den Motor. Dann ein Ankerbier und den verdienten Sprung ins glasklare Meer. Heute Genuss mit einem Glas Rotwein und selbergekochtem Abendessen und an Euch schreiben… Wir sind mit viel Freude in einen neuen Lebensabschnitt gestartet.