VIVA ESPANA
03/12/2020
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VON GIBRALTAR NACH SEVILLA UND ZURÜCK

Flussfahrt nach Sevilla

Auf die Flussfahrt nach Sevilla hatte ich mich schon etwa ein Jahr lang gefreut, lang bevor wir überhaupt zu unserer Segelreise aufgebrochen waren. Sevilla liegt ca. 80km von der Küste entfernt, ist aber über den Guadalquivir-Fluss mit dem Atlantik verbunden. Der Fluss wird seit Jahrhunderten für die Grossschiffahrt genutzt und ist die Lebensader der Stadt.

Seekarte aus navionics.com

Nun war es so weit. Es war der 30. November, 6 Uhr morgens, als wir in Alcaidesa aufbrachen. Zuerst suchten wir uns den Weg durch die in der Bucht von Gibraltar verankerten Kähne, bevor wir durch die Strasse von Gibraltar den Atlantik erreichten. In der Strasse von Gibraltar war die Strömung gegen uns. Der Wind hingegen war uns im Rücken und stark genug, um uns gegen die Strömung durch die berühmte Meerenge zu schieben. Bei Tarifa legte der Wind noch einen Zacken zu und erreichten in den Böen Sturmstärke (9 Bft). Wir eilten mit nur einem handtuch-grossen Vorsegel unserem Tagesziel entgegen.

40kn Wind in der Winddüse von Tarifa

Wir erreichten Cadiz schneller als erwartet und ruhten uns im Hafen aus. Tags darauf besichtigten wir zuerst die Stadt, bevor wir dann den Rest der Strecke bis zur Flussmündung des Guadalquivir-Flusses hinter uns brachten. Wir hatten den Startpunkt der Flussreise erreicht.

Ankerplatz an der Flussmündung mit genügend Abstand zur Fahrrinne für die Grossschifffahrt

Am nächsten Morgen erwachten wir und… es hatte Nebel.

Bei Nebel ist an eine Flussfahrt nicht zu denken, zu eng sind die Verhältnisse und zu gross der Verkehr

So trafen wir die üblichen Sicherheitsvorkehrungen wie AIS und Lichter einschalten und regelmässig Schallsignale geben, und warteten,  bis sich der Nebel verzogen hatte. Gegen Mittag war es so weit und wir konnten mit der Flut den Fluss hochtuckern. Der Fluss hat bei der Mündung einen Tidenhub von 2,5m und in Sevilla immer noch 1,5m, d.h. bei Flut fliesst der Fluss stromaufwärts und bei Ebbe stromabwärts. Die Strömung ist mit 2-3kn recht stark und die gilt es zu nutzen. Als Segelschiff fährt man wenn immer möglich mit dem Strom, nicht dagegen. Die Strecke beträgt 45sm (ca. 85km), das macht man gemütlich in 2 Tagen, oder aber in 1 Tag, wenn man es sportlich mag. Stromaufwärts wählten wir die gemütliche Variante.

Wir ankerten an einer idyllischen Stelle auf halber Strecke nach Sevilla

Ich liebe solche Flussfahrten. Das Boot fährt getragen von der Strömung mit wenig Motorunterstützung den Fluss hoch und die Landschaft zieht langsam an dir vorbei. Wunderschön!

Das Flussufer ist im unteren Flussteil wenig besiedelt

Den grossen Schiffen immer genügend Platz lassen. Nicht nur ist ihre Bordwand stabiler, sie haben auch mehr Tiefgang und könnten auf dem Fluss gar nicht ausweichen.

Vor Sevilla machte uns noch eine Hochspannungsleitung Sorgen, die in der Seekarte mit 16,5m Vertikaldistanz angegeben ist. Unser Mast ist mit Antenne 18m hoch… Es hat trotzdem funktioniert. Die 16,5m sind in der Flussmitte beim höchstmöglichen Wasserstand gemessen, d.h. normalerweise ist der Wasserstand tiefer und der Abstand zur Leitung um 1-2m grösser. Zudem hängen die Drähte in der Mitte des Flusses am stärksten durch und in Ufernähe kann man nochmals 1-2m zur Höhe dazu rechnen. Jetzt sieht die Rechnung schon besser aus. Wir konnten bei Niedrigwasser in Ufernähe also mit 19-20m Höhe rechnen. … ist aber trotzdem sauknapp und eine fehlerhafte Berechnung wäre fatal.

Vom Cockpit aus hat man keine Chance einzuschätzen, wieviel Platz das Masttop unter einer Stromleitung (oder einer Brücke) hat. Man muss sich ganz auf die eigene Berechnung verlassen und dann entweder fahren oder eben nicht.

Wir ankerten ca. 200m vor der Leitung und warteten das Niedrigwasser ab. Unterdessen fuhr ich mit dem Dinghi zu einigen Jachten, die auf der andern Seite der Überlandleitung vor dem Hafen ankerten. Ich suchte mir die grösste aus und befragte den Besitzer nach seiner Masthöhe. Es war eine 50 Fuss Bavaria mit 20m Masthöhe + Antenne. Das beruhigte mich und wir passierten bei Ebbe die Leitung zwar mit einem Kribbeln im Bauch aber ohne Schaden. Kurz darauf legten wir am Flusssteg der Marina Gelves bei Sevilla an.

Bea auf der Plaza de Espana in Sevilla

Hier verliessen uns Thomas und Maximilian und kehrten in die Schweiz zurück. Bea und ich fuhren wieder den Fluss runter und segelten zurück nach Gibraltar. Auf dem Weg stromabwärts wehte ein mässiger Wind, so dass wir uns entschlossen auf dem Fluss zu segeln. Die EXTRA MILE segelt schon bei wenig Wind zügig und mit der Unterstützung des Strömung waren wir an diesem Tag manchmal schneller als der Wind.

Auf hochamwind.ch findet sich noch ein ausführlicher Bericht dieser Flussreise mit navigatorischen Details.

Paella bei Diego

Diego kenne ich von einem Segelkurs auf Lanzarote. Er ist Spanier und wohnt seit einiger Zeit in der Nähe von Algeciras. Es war schön ihn wieder zu sehen. Auch er hat ein Segelschiff, das er für eine längere Reise vorbereitet. Da gab es viel zu plaudern und Diego lud uns zu sich nach Hause zu einer Paella ein.

Dabei haben wir einiges über die spanische Paella gelernt. 1. Eine richtige Paella wird auf dem Feuer zubereitet. 2. Paella ist typischerweise ein Mittagessen, kein Nachtessen. 3. Paella ist häufig ein Gemeinschaftswerk, das die Familie unter Federführung des Kochs/der Köchin gemeinsam zubereitet. So leitete uns Diego durch den Paella-Workshop, der am Ende in einem fantastischen Essen mündete.

Bei den Vorbereitungen konnte ich noch mithelfen, aber ab hier war ich nur noch der aktiv Staunende.

¡Buen provecho!

EXTRA MILE auf dem Trockenen

Vor der Abreise in die Schweiz war es Zeit einige Reparaturen am Rumpf der EXTRA MILE vorzunehmen. Dafür musste das Schiff aus dem Wasser. Ein Seeventil musste ersetzt werden, einige Kratzer in der Bordwand ausgebessert, die Schiffsschraube mit Antifouling behandelt, Rost am Kiel behandelt und am Ruder blätterte oben die oberste Gelcoat-Schicht ab, was man unbedingt anschauen musste. So wurde das Schifflein in der Alcaidesa Marina ausgekrant, aufgebockt und repariert.

Das Schiff verlässt sein Element. Die braunen Flecken am Bug ist eingebrannte Politur. Da hatten die Griechen im Sommer mit etwas zu viel Tempo gearbeitet, und jetzt musste der Arbeitsschritt wiederholt werden. Schade. Inzwischen ist der Rumpf wieder schön weiss.

Da wir in dieser Werft nicht auf dem Schiff wohnen durften, suchten wir uns ein AirBnB und fanden eine Wohnung der Superlative, und erst noch bezahlbar. Im 14. Stock eines Hochhauses direkt an der Promenade mit Aussicht aufs Mittelmeer, den Felsen von Gibraltar, die ganze Bucht von Gibraltar bis nach Marokko! Das wäre meine ideale Alterswohnung. Da könnte ich den ganzen Tag im Schaukelstuhl auf dem Balkon oder vor dem Fenster sitzen und den Schiffen in der Bucht zuschauen!

Blick von der Stube aus bei Sonnenuntergang

Das abgeblätterte Gelcoat machte dem Spezialisten Sorge, als er das Ruderblatt inspizierte. Er behauptete, darunter sei ein Haarriss, wo Wasser ins Ruderblatt läuft. Ich war zuerst skeptisch, denn für mich sah es nicht so schlimm aus, aber ich bat ihn die oberste Schicht wegzufräsen.

Wassereintritt im Ruderblatt hat einen Teil des GFK zerstört

Leider hatte der Fachmann recht, das GFK war durch den Wassereintritt auf einer faustgrossen Fläche faul geworden. Dazu musste das Ruder heruntergelassen, die schlechten Stellen weggefräst und neu aufgebaut werden. Das kostete zwar viele Batzeli, aber inzwischen ist alles repariert und wir sind froh, dass das Ruder wieder in top Zustand ist.

Das Ruderblatt ist repariert. Das Schiff geht nach 5 Tagen auf dem Trockendock wieder zurück ins Wasser. Andy schaut, ob die Tragriemen des Krans an der richtigen Stelle aufliegen.

Weihnachten in der Schweiz

Am 20. Dezember flogen wir in die Schweiz zurück, um Weihnachten mit Familie und Freunden zu verbringen. Da der Flughafen Gibraltar gerade mal 10 Gehminuten von der Marina entfernt ist, konnten wir mit unserem Köfferchen rüber watscheln und in den Flieger steigen.

Nach dem Take-Off ein Blick zurück auf die Marina Alcaidesa, wo unser Schiff liegt

Und beinahe wäre es noch schiefgegangen. Wir mussten in London umsteigen, wo inzwischen das Corona-Virus mutiert war und darum ein europäisches Land nach dem anderen den Flugverkehr mit UK dicht machte. Zum Glück schauen die Schweizer Behörden immer zuerst, was die anderen machen, und warten mit ihrer Entscheidung etwas zu. So konnten wir pünktlich um 20.45 Uhr in Zürich landen und ab 24.00 Uhr war es dann fertig mit der Fliegerei. Vermutlichen sassen wir im vorerst letzten Flieger aus London. Da wir in England nur einen kurzen Transfer hatten, blieb uns in der Schweiz auch die Quarantäne erspart (was uns die Weihnachten definitiv verdorben hätte!). Wir waren sehr dankbar und feierten im kleinen Kreis mit der Familie.

Gewohnt haben wir in den letzten 3 Wochen bei Josua und Daniela in Uzwil. Hier bildeten wir zu viert eine WG, zu der sich immer wieder spontan einige der erwachsenen Kinder der Gastgeber gesellten. In dieser Gemeinschaft war es uns sehr wohl, und von hier aus konnten wir Besuche machen und Einkäufe tätigen. Unterdessen hat uns der Arzt und auch der Zahnarzt gesehen, ich war zwei mal im Bau-Center und auch im Yachtzubehör-Shop von Compass24, um neues Ölzeug zu kaufen.

Bea und Daniela beim gemütlichen Frühstück im Wintergarten

Am Montag 11. Januar fliegen wir nach Malaga und reisen anschliessend per Auto zurück nach La Linea zu unserem Schiff, wir könnten auch sagen „nach Hause“. Auch wenn wir in der Schweiz sehr herzlich aufgenommen wurden, so zieht es uns doch wieder auf die EXTRA MILE und aufs Meer hinaus.

Wir wünschen allen im 2021 viele schöne Momente und die Nähe zu lieben Menschen!

Andy & Bea