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AN SIZILIENS UND SARDINIENS KÜSTEN
16/10/2020
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1000 SEEMEILEN DURCHS IONISCHE MEER

Ein Sommer wie im Bilderbuch

Den ersten Monat unserer Segelreise hatten wir als Eingewöhnungs- und Ferienphase geplant. Wir wollten zu zweit mit dem Leben auf dem Meer vertraut werden und die Extra Mile zu einem schönen Heim machen. Nach der intensiven Startzeit in der Werft Egios und dem Einwassern am 1. August segelten wir aus dem Golf von Korinth raus ins Ionische Meer und nahmen uns Zeit die einzelnen griechischen Inseln zu erkunden. So waren wir auf Lefkas, Meganissi, Ithaca, Kephalonia, Zakynthos, Korfu, Erikoussa und liefen auch diverse Orte auf dem griechischen Festland an. Zuerst ging es nördlich nach Lefkas, wo wir den Vorbesitzer unseres Schiffes trafen, und auch einen Mechaniker, der Andy in einem halbtägigen Workshop zeigte, wie man den Service an unserem Dieselmotor macht.

Danach zog es uns in den Süden und wir lebten drei Wochen in den Tag hinein, nach dem Motto: „Schatz, wo wollen wir heute hin?“ Diese Zeit genossen wir sehr, spielten mit dem Schiff und dem Wind und unternahmen mit gemieteten Rollern diverse Landausflüge zu Sehenswürdigkeiten. Es waren nebst den technischen Herausforderung (s. unten) sehr, sehr schöne Wochen, in denen wir täglich in wunderbar sauberem Wasser badeten und uns am Abend in Tavernen an gutem griechischen Essen labten. Tatsächlich hatte ich (Andy) seit 20. Juli nur kurze Hosen an, es hatte nur einmal kurz geregnet, jeden Tag Sonnenschein und Temperaturen über 30 Grad. Es war ein Sommer wie im Bilderbuch.

Hier ein paar Impressionen:

 

Maria und der Kompressor

Zwei wichtige Systeme funktionierten in dieser Phase auf dem Schiff noch nicht: Der Kühlschrank begann bald mal zu spinnen, lief hin und wieder, meistens aber nicht. Und der Motor des Dinghy (Beiboot) liess sich nicht starten oder gab jeweils kurz nach Start den Geist auf und es galt zurück zu paddeln. So will man nicht leben.

Wir steuerten also eine kleine Stadt an, Euphemia auf Kephalonia, und versuchten via Hafenmeister einen Techniker zu organisieren. Man müsste meinen, dass in einem heissen Klima Kältetechniker an jeder Ecke wachsen. Bald war auch ein Techniker gefunden, der hatte aber von Kühlschrankreparatur etwa so viel Ahnung wie ich selber. In der Hauptstadt der Insel (Argostoli) hatten wir zwei Tage später mehr Glück. Hier kam ein Profi an Bord, brachte die richtigen Messgeräten mit und hatte nach einer Viertelstunde die Diagnose: Der Kompressor sei hinüber. Einen neuen könne er aber erst in einer Woche bestellen, schliesslich sei nun Maria Himmelfahrt und weil die Griechen dann meist noch eine Woche Ferien dranhängen, sei es chancenlos vor Ende der Feiertage einen Kompressor aus Athen zu bestellen.

Um es kurz zu machen: Wir überbrückten etwa 10 Tage mit gefrorenen Eisflaschen (PET-Flasche mit gefrorenem Mineralwasser). Die kann man in kleinen Läden kaufen, und sie kühlen den Kühlschrank doch ordentlich runter. Manchmal half der alte Kompressor doch noch ein bisschen mit. In Zakynthos kam dann endlich ein Fachmann an Bord, der zudem über ein Lager an Ersatzteilen verfügte und nach 2h war ein neuer Kompressor am laufen. Seither ist das Bier wieder wunderbar kalt und der Skipper happy.

Der Techniker schweisst in unserer Schiffsküche ein Kupferrohr.

Mit dem Beiboot-Motor war es eine ähnliche Geschichte. Nachdem ich auf Zakynthos ein Fachgeschäft ausgemacht hatte und fragte, ob sie das defekte Teil am Montag liefern könnten, war die Antwort so schön griechisch, dass ich es gleich sein liess. «Warum könnt ihr das Teil nicht liefern? Feiert ihr immer noch Maria-Himmelfahrt?» – «Nein, am Montag ist der Tag des Heiligen Dionysos.» … Ok, was will man schon gegen den Heiligen Dionysos ausrichten! Habe das Problem mit genügend Sekundenkleber provisorisch behoben. Der Motor startet nun beim ersten Zug am Starterseil und ich werde irgendwann das richtige Teilchen im Internet ordern.

 

600 Liter Wasser

Die Wichtigkeit von Süsswasser wird einem erst recht bewusst, wenn es nicht ständig verfügbar ist. Wir haben im Bug des Schiffes zwei Wassertanks mit total 600 Liter Kapazität. Dieses Wasser nutzen wir aber nicht zum trinken, auch nicht zum kochen. Da wir nicht wissen, in welchem Zustand sich die beiden Tanks befinden und welche Qualität das Wasser hat, das man in den Häfen bekommt, trinken wir ausschliesslich gekauftes Mineralwasser, das wir in ausreichenden Mengen dabei haben.

600 Liter, wie lange reicht das? Wir wissen es nicht, weil eine Anzeige fehlt. Zudem hat der Vorbesitzer die Tanks miteinander verbunden – eine Bausünde, die ich noch rückgängig machen will. Wenn sie nämlich nicht verbunden sind, weiss man, wenn 1 Tank leer ist, dass man die Hälfte des Wasser verbraucht hat. Eine Woche haben die 600 Liter auf jeden Fall für uns zwei schon mal gereicht. Wir brauchen Frischwasser aus den Tanks nur zum duschen, Hände waschen, Zähne putzen und das Geschirr mit Süsswasser nachspülen. Fürs Geschirr abwaschen, hat es bei der Spüle eine Fusspumpe, mit der man Seewasser ins Becken pumpen kann. Wir waschen das Geschirr zuerst mit Salzwasser und spülen es anschliessend mit Süsswasser ab. So braucht ein Waschgang gar nicht so viel Frischwasser. Die Toiletten werden übrigens mit Seewasser gespült, was viel Wasser spart.

Frischwassser bekommt man in Griechenland nicht überall, da viele Gebiete recht trocken sind. In manchen Häfen gibt es kein Wasser, in anderen ist das Frischwasser leicht salzhaltig (wie z.B. Zakynthos-Stadt) und das will man nicht. In einigen Häfen kommt ein Tankwagen. An anderen Orten hat es einzelne Wasserhähne entlang der Mole und wenn der eigene Schlauch lang genug ist, kann man Wasser bunkern. Wenn nicht, dann leiht dir der Italiener vom Nachbarboot seinen Schlauch und man verbindet die zwei Schläuche zu einem – wenn man das passende Verbindungsstück hat. Hatte ich nicht, aber zum Glück der Italiener. Meine Sammlung an Schlauchadaptern wächst laufend …

Ganz cool war das am kleinen Pier von Agios Nikolaus/ Zakynthos. Dimitri, der Verwalter hat es ganz pragmatisch gelöst. «Ihr wollt Wasser? Gut. Siehst du den weissen Pick-Up dort vorne? Im schwarzen Tank hat es Wasser. Der Schlüssel steckt, fahre zu deinem Boot und tanke. Dann stelle den Wagen wieder zurück.»

Gesagt, getan. Bleibt zu hoffen, dass die Sauberkeit des Wasser besser ist, als die der Kabine.

 

Griechenland ade, Corona tat uns (bis jetzt) nicht weh

Unterdessen sind wir auf der anderen Seite des Ionischen Meeres in Catania/ Sizilien angelangt. Von der Corona-Pandemie hatten wir bisher wenig gespürt. Klar zieht man in den Läden die Maske an, aber das ist eine Kleinigkeit. Wir haben die ersten zwei Ausbildungstörns hinter uns. Mark und Heinz verbrachten eine schöne und lehrreiche Segelwoche von Zakynthos hoch nach Korfu. Nebst dem Segeln übten wir verschiedene Manöver und die terrestrische Navigation.

Positionsbestimmung mit Peilung

In Korfu nahmen die beiden den Flieger zurück in die Schweiz und Silvan und Manuela kamen an Bord. Mit ihnen hatten wir vor, nach Sizilien zu segeln. Zuerst führte uns die Route nach Erikoussa, einer Insel nördlich von Korfu. Von dort ist es nur eine Tagesetappe bis Santa Maria di Leuca, am Stiefelabsatz von Italien. Im Morgengrauen wurde der Anker gelichtet und los ging’s. Am Abend kurz vor dem Ziel nahm ich telefonisch Kontakt mit der Hafenbehörde auf und die bestätigten, was ich über die Einreise von Griechenland nach Italien gelesen hatte: Man muss 72h in Quarantäne und macht anschliessend einen Corona-Test, dann erst darf man sich frei im Land bewegen….

Obwohl wir es ja wussten, sank die Stimmung in den Keller. Das würde für unsere Gäste bedeuten, dass sie 3 Tage ihrer Segelwoche verlieren und es niemals am Samstag auf den Flieger von Catania nach Zürich schaffen würden. Was nun?  – Wir entschieden uns für einen anderen Plan: Durchsegeln bis Catania und dort schauen wie es weitergeht. Nach einem langen Segeltag hiess es also: nochmals 1 Nacht, +1 Tag , + noch eine zweite Nacht non-stop durchsegeln. D.h. abwechslungsweise 2h Stunden schlafen, 2h segeln. Machen wir’s? Der gemeinsame Crew-Entscheid war bald gefällt, da Alternativen fehlten. Ja, wir ziehen es durch. Für die Nacht war wenig Wind vorhergesagt und für den nächsten Tag 10kn, also mässiger Wind. Aus den 10kn am nächsten Tag wurden rasch 15, dann 20, dann 25 und schliesslich 30kn Wind, was 7 Beaufort entspricht (ca. 60kmh Wind). Die zwei Meilensammler genossen das Absurfen der Wellen.

das ist die perfekte Welle

Parasail – grosses Vorwindsegel mit einer Lippe, wo Luft entweicht. Dies erzeugt Auftrieb, so dass sich das Segel selber stabilisiert.

Znacht auf dem Meer. Wir stärken uns mit einem feinen Risotto für die zweite Nacht. Silvan und Manuela – zwei junge Segler vom Bodensee, die Grosses vorhaben.

Nach einem halben Tag legte sich der Wind wieder. Wir setzten den Parasail und rollten beständig auf Sizilien zu. Todmüde kamen wir nach total 50 Stunden im Morgengrauen in Catania an.

im Hafen von Catania, im Hintergrund der Vulkan Etna

Den Hafenplatz hatte ich vorgängig reserviert. Im Hafenbüro wurde eine Selbstdeklaration unterschrieben, dass alle gesund sind, man mass uns noch rasch die Temperatur und – das war’s. „Das war’s wirklich?“ –  „Ja, alles gut“, meinte der nette Verwalter des Club Nautico. Die 50h auf See wurden als ausreichende Quarantänezeit akzeptiert und überhaupt scheint man auf Sizilien von 72h Quarantäne noch nichts gehört zu haben. Wir waren sehr erleichtert und legten uns zuerst mal schlafen.

Soeben haben Silvan und Manuela das Schiff verlassen und die Rückreise in die Schweiz angetreten. Jetzt sind Bea und ich wieder eine Woche alleine unterwegs. Wir haben bisher über 1000 Seemeilen im Ionischen Meer zurückgelegt. Dies verlassen wir nun und segeln rund um Sizilien nach Palermo, wo wir neue Gäste erwarten.