1000 SEEMEILEN DURCHS IONISCHE MEER
06/09/2020
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AN SIZILIENS UND SARDINIENS KÜSTEN

Wie weiss man, dass man in Italien angekommen ist?

Überall parkieren haufenweise Roller.

Statt klebrig-süssem Baklava-Zeugs gibts eine grosse Auswahl an richtig feinen Desserts. Hier ein Canolo (sizilianische Spezialität).

Und noch zwei Beobachtungen:

  • Der Preis für eine Nacht in einer Marina ändert sich von 8 auf 70 Euro.
  • In einer Fussgängerzone in Palermo fährt ein Polizeiauto. Ein Mann auf einem Fahrrad überholt es rechts und telefoniert gleichzeitig mit dem Handy – und den Carabinieri ist das egal.

Zurückgelegte Route ab Catania

Nach der Ankunft in Catania hatten wir eine Woche Zeit, um auf die andere Seite Siziliens nach Palermo zu segeln. In dieser Woche wütete im Ionischen Meer der Medicain «Ianos» und verwüstete Teile der griechischen Inseln, die wir im August besucht hatten. Es waren Nachrichten, die uns nachdenklich stimmten. Wir hingegen hatten auf der Nordseite Siziliens Flaute und mussten motoren, um rechtzeitig Palermo zu erreichen. Es folgte ein Törn zu den Ägadischen Inseln und anschliessend die Überfahrt nach Sardinien mit einer neuen Crew, und anschliessend nochmals ein Ausbildungstörn von Cagliari der Ostküste Sardiniens hoch nach Olbia.

wichtige Stationen unserer Reise: Catania – Strasse von Messina – Cefalu – Palermo – Ägadische Inseln – Palermo – Cagliari – Maddalena – Olbia – Santa Teresa Gallura – Castelsardo – Stintino (Karte aus navionics.com)

Ein Segeltörn zu den Ägadischen Inseln

Ägadische Inseln? – Wo sind die denn? So ging es mir noch vor knapp einem Jahr als Urs und ich uns in Bern trafen und über die Möglichkeit eines solchen Törns sprachen. Urs hat bei hochamwind den Onlinekurs für den Hochseeschein gemacht, hat unterdessen seine 1000 Seemeilen beisammen, wünschte sich aber einen Törn mit jemandem an der Seite machen zu können, der ihn bei Fragen oder Unsicherheiten unterstützen kann. So kam es, dass wir zu viert zu den ägadischen Inseln segelten.

Die ägadischen Inseln sind die 3 Inseln Levanzo, Favignana und Merettimo westlich von Sizilien. Sie sind alle bewohnt, wobei Favignana als einzige Städtchen-Charakter hat. Unser Törn startete in Palermo, von wo man zuerst 60 Meilen bis ins Archipel zurücklegen muss. Auf dem Hinweg hatten wir recht schwachen Wind und mussten den Motor zu Hilfe nehmen, zurück ging es dann mit Starkwind und viel Speed. Hier einige Bilder aus dieser Woche:

Ein Highlight in dieser Zeit war das Zusammentreffen mit meinem Bruder auf Sizilien. Jan überführte einen fabrikneuen Katamaran von Cagliari nach Korfu. Wir waren in der Gegenrichtung von Griechenland kommend nach Cagliari unterwegs. So hofften wir im Vorfeld, dass wir uns irgendwo begegnen würden. Und dem war so. Wir ankerten in der grossen Bucht bei San Vito Lo Capo als gegen Mitternacht Jan den Kat reinschipperte. Bea und ich setzten mit dem Beiboot zu ihnen rüber und stiessen mit einem Weisswein aufs Wiedersehen an. Einen Tag später feierten wir mit beiden Crews in Palermo mit einem üppigen Znacht.

Wiedersehen auf dem Wasser mit dem Bro

Überfahrt nach Sardinien

Auf die Überfahrt nach Sardinien zusammen mit Mac (Matthias) und Olivia hatte ich mich sehr gefreut. Mac und ich kennen uns seit der Jugendzeit, haben uns dann aus den Augen verloren, und sind uns jetzt durch das gemeinsame Hobby Segeln wieder über den Weg gelaufen. Mac ist ein begnadeter Handwerker (gelernter Schreiner) und hat uns in dieser Woche einige Verbesserungen auf dem Schiff gemacht. Mille Grazie!! Zudem brachten die beiden Fondue mit, das Bea und ich später in vollen Zügen genossen. Die zwei haben ein Segelboot auf dem Neuenburgersee und segeln können sie sehr gut. Nur die etwas grösseren Dimensionen auf dem Meer waren für sie neu.

 

Nach der Überfahrt ankerten wir zuerst in der wunderschönen Bucht bei Villasimius. Olivia musste an Land um einige Einkäufe zu machen, so setzte ich sie mit dem Dinghi ab. Als ich sie ein paar Stunden später wieder abholte, entstand diese kurze Raser-Video. Ihr müsst verstehen: Ich hatte früher nie ein Töffli. Jetzt darf ich im gesetzten Alter mit dem Dinghi mal aufs Gas drücken 😉

Cagliari – Olbia

In Cagliari folgte nochmals ein Crewwechsel und Thomas und Simon kamen an Bord. Nicht nur die Crew wechselte, sondern langsam aber sicher auch das Wetter. Die kurzen Hosen sind unterdessen den Segelhosen gewichen und auch das barfuss segeln ist definitiv vorbei. Es stellte sich ein Mistrallage ein, was auf Sardinien starken bis stürmischen Westwind bedeutet. Daher folgte nach der eher ruhigen Überfahrt nach Cagliari eine intensive und abwechslungsreiche Ausbildungswoche Richtung Norden.

Simon, ein ehemaliger Lehrerkollege aus St. Gallen, steuert die EXTRA MILE bei viel Wind

Am letzten Tag stand die Rückfahrt von La Maddalena nach Olbia auf dem Programm. Wir beschlossen dies mit einer kurzen Nachtfahrt zu verbinden. Nachts lässt sich mit den Leuchtfeuern die terrestrische Navigation sehr gut üben und im Maddalena-Archipel ist auf Grund der vielen Untiefen die Dichte an Leuchtfeuern besonders hoch. So standen wir also früh auf und navigierten etwa eine Stunde im dunkeln, bis dann die Somme aufging. Tolles Erlebnis für uns alle, v.a. weil es auch tatsächlich funktioniert.

kurz vor Sonnenaufgang am Capo Ferro

Am Samstag flogen Thomas und Simon in die Schweiz zurück. Ab Montag galt für Rückkehrer aus Sardinien die Quarantäne-Pflicht – nochmals alles gut aufgegangen.

Neuer Beruf: Gastgeberin sein

(Bea schreibt) Ein Teil unseres Lebens auf dem Meer sind Ausbildungstörns, die Andy und ich durchführen. Während Andy sich um die Segelausbildung kümmert, ist mein Job die Gastgeberin zu sein. Inzwischen haben wir bereits 5 solcher Ausbildungstörns hinter uns. Da sich diese 5 Wochen mit Gästen auf 6 Kalenderwochen konzentrierten, waren das für Andy und mich intensive Arbeitswochen.

Mit der Wäsche ab in die Laundry.

Für mich ist dieser Beruf neu und vieles ist anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Gerne beschreibe ich mal eine Woche mit Gästen:

  • Am Samstag geht die alte Crew spätestens bis 9.00 Uhr vom Schiff. Dann beginnt mein Einsatz mit Betten abziehen, die Wäsche möglichst rasch bereit haben, um sie in einer Laundry waschen zu lassen, damit sie am Abend wieder zurück ist. Dann reinige ich unser Schiff, desinfiziere alles, reibe die Wände ab (auch wegen Coronabestimmungen) mit speziellen Mitteln, staubsauge den Boden und nehme alles nass auf. Dann werden die beiden Nasszellen gründlich geputzt. In dieser Zeit wäscht Andy das Schiff aussen und kümmert sich um Ersatzteile und Reparaturen. Jeden Samstag also eine komplette Innen- und Aussenreinigung. Am Schluss werden dann die Zimmer und die Nasszellen wieder für die neue Crew vorbereitet.

Es muss zuerst so aussehen, …

… bis es nachher so aussehen kann.

  • Am späten Nachmittag um 17.00 Uhr kommt die neue Crew aufs Schiff. Wir begrüssen die Gäste und als eine der ersten Aufgaben gehe ich mit der Crew einkaufen. Dies ist immer eine Herausforderung, denn ich kenne den Einkaufsladen nicht, kann die Sprache häufig nicht wirklich und es gilt immerhin die Essensmenge für eine ganze Woche einzukaufen. Mit 30-40l Wasser, anderen Getränken und Lebensmitteln gibt das schnell mal 3 Einkaufswagen voll. In manchen Läden gibt es einen Lieferservice in die Marina, den wir natürlich gerne beanspruchen. Ist der Einkauf mal beim Schiff, so muss alles eingeräumt und so verstaut werden, dass uns in der Kabine die Tomaten nicht um die Ohren fliegen, wenn das Schiff mal mit 30° krängt (Schräglage hat) oder gegen die Wellen schlägt.
  • Da der Stauraum begrenzt ist, heisst es eigentlich immer, dass man die Dinge herumstapeln muss. Willst du ein Joghurt essen, muss man dazu zuerst den halben Kühlschrank auszuräumen, bis man an das Behältnis mit den Joghurts ran kommt. Dann Joghurt rausnehmen, und den Rest wieder einräumen.
  • Während den Segeltagen ist dann meine Aufgabe mit der Crew zu überlegen, was wir unterwegs brauchen: Sandwiches fürs Mittagessen, einen Salat, eine Suppe oder Resten verwerten? Snacks, Dörrfrüchte, Nüsse, Früchte für unterwegs oder was auch immer? Natürlich denkt die Crew mit und wir beziehen die Leute mit ein, aber viele lernen erst, wie so ein Segeltag aussieht und was es dabei zu beachten gibt.
  • Wenn am Abend jemand aus der Crew kocht, dann stehe ich unterstützend zur Seite. Auch wenn sich Törnteilnehmer (-innen) immer wieder als fantastische Köche entpuppen, so bin ich diejenige, die weiss, wo was ist, wie der Gasherd oder die elektrische Küchenmaschine funktioniert und bin daher immer auch gefordert.

  • Eine grosse Herausforderung stellt für mich immer wieder die Routenplanung dar. Wir sind von Wind und Wetter abhängig und nicht immer lässt sich die Woche essenstechnisch so durchführen, wie wir sie ursprünglich besprochen hatten, als ich am Samstag mit der Crew im Supermarkt stand. Von mir erfordert das eine grosse Flexibilität, Kreativität und Improvisionstalent, wie wir mit dem, was wir haben, das erreichen können, was jetzt dran ist. Auch gibt es fast täglich etwas zu reparieren oder zu verbessern. Oftmals drehen sich meine Gedanken um die Inneneinrichtung bzgl. den Küchengeräten, was wir noch verbessern können.

Wie gefällt mir der Job als Gastgeberin auf unserem Schiff? – Gut, ich mache es gern. Es ist herausfordernd und ich muss noch mehr in diese Aufgabe hineinwachsen. Wir wollen auch bei der weiteren Planung darauf achten, dass zwischen den einzelnen Ausbildungstörns längere Pausen sind, denn ein Törn mit Gästen ist für uns beide jeweils ein 7-Tage-Einsatz.

Corona und die weitere Planung

Es ist schon spannend, wie die einzelnen Regionen (und die einzelnen Hafenmeister) mit der Corona-Pandemie umgehen. Auf Sardinien wollten die meisten Hafenmeister nur wissen, woher wir kommen, und wenn wir einen sardischen Hafen nannten, waren sie zufrieden. Wenige oberpingelige Beamte gab es natürlich auch, welche die offiziellen Einreisepapiere sehen wollten und den QR-Code der Sardinia-Sicura-App. Und wenn man da nicht aufpasst und im Gespräch erwähnt, dass man ursprünglich von Griechenland hergekommen ist, dann unterbricht der Beamte seine Arbeit, schaut dich fragend an: GRIECHENLAND??? … und das Einchecken hat sich gleich um weitere 10 Minuten verlängert.

Castelsardo. Mit dem Mistral aus NW hat sich eine beachtliche Welle aufgebaut, im Hafenbecken ist es ruhig. Nur die Gischt fliegt manchmal über die Mauer.

Wir haben uns in den letzten Wochen gefragt, ob wir unsere Tour wie geplant Richtung Balearen, spanisches Festland und Gibraltar fortsetzen wollen. Lange galt Sardinien nicht als Risikogebiet und wir wogen die Idee ab, auf Sardinien zu überwintern oder gar zurück ins östliche Mittelmeer zu segeln. Schlussendlich aber entschieden wir uns beim Plan zu bleiben und weiter Richtung Westen zu ziehen. Stick to the plan! Kurz darauf wurde Sardinien von der Eidgenossenschaft auch zum Risikogebiet erklärt, was unsere Entscheidung bekräftigte. Wir machen also weiter und nehmen die örtlichen Bestimmungen (allenfalls auch Quarantäne) in Kauf. Mal schauen wohin uns die Reise führt.

So steht in den nächsten Tagen die Überfahrt nach Mallorca an. Wir haben uns ganz im Nord-Westen Sardiniens in einer sicheren Bucht in Position gebracht und warten auf das passende Wetterfenster. Der Mistral blies uns in den letzten Tagen mit Böen in Sturmstärke um die Ohren und solches Wetter will man auf dem offenen Meer nicht, schon gar nicht, wenn wir die Überfahrt nur zu zweit machen. Für das Wochenende sind mässige Winde aus NW über N auf E drehend prognostiziert, die nehmen wir. Dann gehts los durch die nur 3m tiefe Fornelli-Passage raus aufs Meer und vermutlich in einem Schlag bis nach Palma de Mallorca. Dort erwartet uns spanische Gastfreundschaft mit Tappas und Paella.