SEGELN IN ZEITEN VON CORONA
19/02/2021
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GALIZIEN UND DIE BISKAYA

Vigo und die Rias in Galizien

Portugal war im Lockdown, daher segelten wir ab Nazaré in zwei längeren Tagesetappen zügig nach Vigo in Galizien. Es blies ein günstiger Südwind und bald schon konnten wir wieder die spanische Gastlandflagge setzen.

Die portugiesische Flagge kommt runter, die spanische wird gehisst.

Auf vielen Meilen begleiteten uns Delfine.

Vigo hat uns abgesehen von einem schönen Castel mit wunderschönen Kamelienbäumen nicht sonderlich gefallen, ist eine grosse Stadt mit wenig Charme (finden wir).

wildwachsende Kamelienbäume in Vigo

Zwei grosser Denker, die ihrer Zeit weit voraus waren 😉 Der eine ist Jules Verne.

In Vigo mieteten wir ein Auto und fuhren zum berühmten Pilgerort Santiago de Compostela. Von Pilgern weit und breit keine Spur. Wir konnten ein Santiago ohne Menschengedränge kennen lernen.

In Vigo erwarteten wir die Ankunft eines Mitseglers, der mit uns nach A Coruna segeln würde. Als Daniel ankam, ging es gleich los Richtung A Coruna. Die Küste Galiziens ist von tiefen Einschnitten, sog. Rias durchzogen. Da findet man schöne Städtchen mit guten Marinas und fantastische Ankerplätze.

Könnte Sardinien sein, ist aber Nordspanien.

Einmal erreichte uns ein Funkspruch der Küstenwache, dass am Kap Finisterre eine Gruppe Orcas gesichtet wurde. Orcas hatten im letzten Jahr in dieser Gegend kleine Segelschiffe angegriffen und gezielt die Ruder zerstört, was zur Manövrierunfähigkeit führt. Ein Teil der Küste war deswegen für Sportboote gesperrt. So waren wir gespannt, ob wir diese Meeressäugern sehen würden, doch wir erreichten A Coruna ohne Orca-Begegnung. Wir hätten die Tiere gerne gesehen, zumindest die nicht-aggressiven Individuen.

Nördlich von A Coruna steht der Torre de Hercules, laut UNESCO das älteste Leuchtfeuer der Welt, das noch in Betrieb ist. Schon die Römer hatten hier einen Leuchtturm erbaut.

A Coruna – ein Hauch von Zuhause

Bea schreibt: Anders als in Vigo, waren wir in A Coruna gleich von Anfang an von der Stadt beeindruckt. Schöne Fassaden, herausgeputzte Pärke und ein nettes Zentrum mit Fussgängerzone, und wir in der Marina mitten im Stadtzentrum. Cool! Hier verbrachten wir zwei Wochen.

Wir treffen in A Coruna ein und machen im Real Club Nautico mitten in der Stadt fest.

Kaum schwenkten wir in der Marina zum zugewiesenen Anlegeplatz ein, kam eine Frau mit zwei Dackel zur Begrüssung an den Fingersteg und half uns beim Anlegen. Später lernten wir sie persönlich kennen, es handelte sich um Anja aus Augsburg mit ihrem Mann Mani (und eben den zwei Dackel, die auch an Bord ihrer Segeljacht leben).

Wegen der Pandemie sind zur Zeit wenige Boaties unterwegs und man lernt nicht so schnell jemanden kennen, doch hier war der Kontakt auf Anhieb da. Anja und Mani hatten in A Coruna überwintert und waren schon längere Zeit dabei ihr Schiff «AnMa» wieder auf Zack zu bringen. Wir genossen die Zeit gemeinsam um etwas zu unternehmen oder gemeinsam Abend zu essen und auf deutsch zu plaudern (was für mich sehr entspannend war). So lernte ich schnell die Stadt kennen. Anja zeigte mir die «Chinesenlädeli» mit Billigzeug oder den Take Away mit den flachgedrückten «Grill-Güggeli». Auch konnten wir zusammen mit den Hunden Gassi gehen, entspannt in die Ikea fahren, während dem die Männer im Hafen werkelten und vieles auf dem Schiff optimierten, mega!

Hunde-Mama Bea mit Asterix, Babsi und Filou

Ja und durch AnMa lernten wir sogar Schweizer kennen, die nach Galizien ausgewandert waren und nun in A Coruna leben. José und Pavla haben uns vieles gezeigt, über die Stadt erzählt und uns beim gemeinsamen auswärts Essen auf ortstypische Speisen hingewiesen.

José und Pavla zu Besuch auf der EXTRA MILE

Am Steg neben uns lag ein paar Tage lang die «Trull», ein kleines schwedisches Segelboot. Das junge Paar war auf dem Weg nach Griechenland, um dort ein grösseres Schiff in Besitz zu nehmen. Es entstand ein herzlicher Kontakt. Die beiden Schweden sind Trader und finanzieren so ihren Lebensunterhalt.

Weiter vorne am Steg lag die «Speedy» mit einer norwegischen Flagge am Heck. Dieses Schiff wurde für die Überfahrt nach Norwegen vorbereitet. Als die Skipperin das Schiff bei viel Wind vor A Coruna testete, riss das Vorstag (Stahlseil, das den Mast nach vorne hält) und das Vorsegel ging über Bord. Eine Schot (Seil) verfing sich in der Schraube, blockierte den Motor und die «Speedy» driftete auf die Küste zu. Da rettete nur noch der Anker das Boot davor auf die Felsen getrieben zu werden und schliesslich brachte die alarmierte Küstenwache mit einem Rettungskreuzer das Schiff in den Hafen zurück. 2 Wochen später trafen wir die «Speedy» wieder in Brest. Der Besitzer und die angeheuerte Skipperin hatten es irgendwie unter Motor über die Biskaya geschafft, aber in Brest war dann vorerst Endstation. Das Boot war definitiv nicht seetüchtig und weiter segeln wäre leichtsinnig. So erzählt jedes Boot eine Geschichte, häufig von einem Lebenstraum, so wie auch bei unserem Boot.

Die Zeit in A Coruna nutzten wir auch um einiges reparieren zu lassen oder selber zu machen. Ein Grossprojekt war, dass Andy mehrere Mal auf den Masten musste, damit er das Dampferlicht flicken konnte. Dies stellte sich als hartnäckig heraus und benötigte viel Kreativität, weil ein neues Kabel in den stehenden Mast eingezogen werden musste. Andy war gefühlte 10 mal oben und das Klettergschtälti ist längst amortisiert. Nun brennt die Lampe wieder und wir können bei Dunkelheit wieder korrekt Lichter setzen.

Es brauchte viel Geduld, bis das Kabel auf dem schwankenden Mast in das entsprechende Röhrlein eingezogen war.

Wir lernten in A Coruna auch «Manolo» kennen, einen sehr netten spanischen Mechaniker, welcher für uns diverse kleine Arbeiten rasch und professionell erledigte. Er versuchte auch unseren Aussenborder zu flicken. Leider war das Ergebnis nach der Reparatur, dass der Motor zwar an Land funktionierte aber im Wasser stellte er ab…wie ärgerlich. In Brest haben wir dann feststellen müssen, dass der Motor wohl nicht mehr zu retten sei.

Wenn wir so mehrere Tage am Schiff arbeiten, dann müssen wir zwischendurch mal weg. Andy und ich wandern beide gerne und so mieteten wir an einem sonnigen Tag ein Auto und fuhren etwa eine halbe Stunde zum Nationalpark «Fragas de Eume». Die Gegend ist v.a. durch den schönen Wald bekannt, der an den Hängen des Flüsschens Eume wächst. Die Wanderung geht dem Fluss entlang zu einem ehemaligen Kloster und dann wieder zurück. War super, wiedermal die Sinne mit Eindrücken von unberührter Natur zu verwöhnen und den Körper durch eine Wanderung zu fordern.

Gegen Schluss unserer Zeit in A Coruna mussten wir ein Testcenter suchen, wo wir einen PCR-Test machen konnten um dann startklar zu sein um nach Frankreich einreisen zu können. Dann einen Tag vor Ankunft unserer Gästen alles putzen und vorbereiten, vorkochen für die Überfahrt. Zum Abschied trafen wir uns nochmals mit José und Pavla und gingen später mit AnMa in ein Aquarium (ähnlich wie Sealife). Abends assen wir gemeinsam Pizza auf unserem Schiff und verabschiedeten uns von den liebgewonnen Freunden. Wer weiss, ob wir uns wiedersehen: Sie segeln nach Süden Richtung Mittelmeer, wir nordwärts Richtung Schottland.

mit Mani und Anja im Aquarium in A Coruna. Gute Reise, AnMa!

Überfahrt über die Biskaya

Andy schreibt: Am Samstag, 20. März holte ich am Morgen mit einem Mietwagen Enrico und Domenic am Flughafen in Santiago ab. So waren wir bald darauf in A Coruna zurück und die zwei Covid-müden Schweizer konnten an diesem sonnigen Samstag wieder mal etwas Normalität geniessen, in einem Restaurant ein Bier trinken und später gemeinsam auswärts essen. Das gemütlich Stadtleben liessen wir jedoch gleich am Sonntag hinter uns, als wir bei schönstem Wetter und noch windgeschützt aus dem Hafen von A Coruna ausliefen. Vor uns lag die Biskaya, ein eher launisches Gewässer.

Du sollst nicht gegen den Starkwind aufkreuzen

Lange sah die Wind- und Wellenprognose nicht gut aus: Starkwind aus Nord. Da wäre an eine Überquerung der Biskaya in Richtung Nord nicht zu denken. Man will nicht 300 Seemeilen aufkreuzen, daraus werden nämlich schnell mal 600… Am ersten Tag hatte ich für unsere Mitsegler einen Angewöhnungstag geplant. Wir würden 25sm zu einer Bucht nördlich von A Coruna aufkreuzen. Die zwei Hochseeschein-Aspiranten hätten so die Möglichkeit das Schiff kennenzulernen und sich einzufinden. Und wir wären unserem Ziel schon mal 25sm näher. Wir hatten nur eben den Wind auf der Schnauze und dummerweise mit 6-7 Bft wesentlich stärker als prognostiziert. Dieser Tag zeigte einmal mehr, wie beschwerlich es ist nur mal 25sm gegen Wind und vor allem gegen die Welle Strecke zu machen. Da ist jeder gewonnene Meter hartverdiente Arbeit, sowohl für das Schiff wie auch für die Crew. Am Abend ankerten wir in einer ruhigen Bucht (Cedeira), stärkten uns bei einem feinen Znacht an Bord und schätzen den Schaden des ersten Tages: Einer der Jungs hatte unter Übelkeit gelitten, ein Bodenpanel in der Kabine war durch den Sturz eines Crewmitglieds bei hoher Welle gebrochen (die gestürzte Person hatte zum Glück keinen Schaden erlitten), die Leine für den Traveller war durchgescheuert. Gekostet haben diese zwei kleinen Reparaturen in Brest dann knapp 400 Euro! Eben…: Du sollst nicht gegen den Starkwind aufkreuzen! Die EXTRA MILE ist schliesslich kein Rennboot, sondern ein Cruiser (wenn auch ein schneller!).

Speed ohne Ende

Enrico fährt uns aus der ruhigen Bucht aufs Meer hinaus.

Am Montag gings dann aufs offene Meer hinaus Richtung Brest. Auch da war der Wind noch stark, aber diesmal nicht gegen uns sondern seitlich aus Nordost. Halbwind, das ist der Wind mit dem das Schiff fast abhebt. Wir hatten die Segel stark verkleinert (2. Reff) und machten trotzdem über längere Abschnitte zwischen 8-9 Knoten Speed, was die Maximalgeschwindigkeit unseres Rumpfes darstellt. Wir segelten zwar nicht auf direktem Weg nach Brest sondern machten eine Bogen Richtung Nordwesten bevor wir später dann unterstützt durch eine günstige Winddrehung nach Norden und dann nach Nordosten Richtung Ziel einschwenkten.

(Seekarte aus navionics.com)

Durch die optimale Nutzung des Windes waren wir richtig schnell unterwegs, schneller als wenn wir direkt auf Brest zugehalten hätten. Tatsächlich stellten wir einen neuen 24h-Rekord auf: Die EXTRA MILE lief am ersten Tag der Überfahrt in 24h sage und schreibe 176sm, das ist für eine Fahrtenyacht unserer Grösse eine beachtliche Leistung. Wie ich schon sagte: Ein schneller Cruiser.

Nach ca. der Hälfte der Strecke flaute der Wind ab, so dass wir eine Strecke lang den Motor anwerfen mussten. Die letzten 8h waren dann gemütliches segeln. Die Gesamtstrecke von ca. 365sm (= 670km) bis Brest machten wir in total 57h. So weit mal das Zahlengewitter.

Sich mal so richtig auskotzen

Der Starkwind am Anfang forderte auch hier seinen Tribut. Seit 9 Jahren war ich auf dem Meer nie mehr seekrank. Die bisherigen Überfahrten im Mittelmeer oder auch die hohe atlantische Welle an der Küste Portugals hat mein Körper gut weggesteckt, aber die kurze Welle von Osten und die unerwarteten, ruckartigen Bewegungen des Schiffes hatten auf die Dauer eine zermürbende Wirkung auf meinen Magen. Obschon ich vor der Fahrt Stugeron genommen hatte (Mittel gegen Seekrankheit), hat es mich hier brutal erwischt. Nach etwa 10h Fahrt war der allerletzte Tropfen Magensäure über die Reeling gewürgt und ich fühlte mich leer, ausgelaugt und schwach. Wir waren unterdessen im 4-Stunden-Schichtmodus und so konnte ich mich zuerst mal ausruhen. Danach galt es eine Entscheidung zu treffen: Egal wie ich mich fühle, jetzt muss ich einfach weiter machen, es gab keine andere Option. Das bedeutete: Aufstehen, sich in der schwankenden Kabine anziehen, probieren zu essen und zu trinken, Segel trimmen, Kurs korrigieren, Entscheidungen treffen, für die Crew da sein. Schliesslich würde die Fahrt noch mindestens 40 Stunden dauern…

Besser

Am zweiten Tag wurde es besser. Vielleicht hatte sich der Körper an die Schiffsbewegungen gewöhnt, aber auch der Wind hatte abgenommen und das Meer sich beruhigt. Auf jeden Fall konnte ich am zweiten Tag wieder etwas gegen den Hunger und den Durst tun und ab der zweiten Nacht fühlte ich mich wohl auf dem Schiff. War schon eine grenzwertige Erfahrung, die Fragen aufwarf: Wie tauglich bin ich für die Fahrt über den Atlantik? Kann ich das wirklich oder will ich es nur unbedingt? – Wir werden sehen, denn es werden weitere Überfahrten folgen. Irgendwann im Herbst dürfen wir wieder über die Biskaya zurück in den Süden.

2. Tag: Feines Zmittag auf dem offenen Meer: Tortellini mit Gorgonzola-Sauce

Bienvenue à Brest

Die Ankunft in Brest war für uns alle ein erhebendes Gefühl. Die Strapazen der vergangenen 57 Stunden waren zwar nicht vergessen aber weit in den Hintergrund gerutscht. Wir segelten in die Meeresenge vor Brest und fühlten uns grossartig und auch der einsetzende Regen konnte unsere gute Stimmung nicht trüben: Wir hatten gerade etwas Tolles geleistet.

Die Crew kurz vor Brest

In Brest machten wir am Besucherpontoon in der Marina du Chateau fest und gingen ins Büro um uns anzumelden. Die Madame fragte aber nur nach dem Schiffsnamen und der Schifflänge, und das wars schon. Die Franzosen wollten weder Schiffspapiere, noch Versicherungsnachweis, noch IDs der Crew sehen. Nicht mal die blöden, teuren PCR-Tests, die Bea und ich in A Coruna gemacht hatten, wurden mit einem Blick gewürdigt. Rien! Gar nix! Ob solcher Nachlässigkeit war ich schon ein bisschen enttäuscht von der Grande Nation. Aber egal, meine griesgrämige Stimmung hatte wohl auch etwas mit der Übermüdung zu tun. Wir tranken mit der Crew an Bord das wohlverdiente Anlegerbier und dann folgte ein langer, seeliger Schlaf.

Die EXTRA MILE. Sie ist ein gutes Schiff.

Lockdown in Frankreich

Wir sind nun also in der Bretagne. Vor einigen Tagen (kurz vor dem Lockdown) haben wir Brest verlassen und segeln nun etwas «zurück» in die Bucht von Biskaya hinein entlang der französischen Küste. Hier gibt es alte Städtchen, schöne Inseln und spannende Flussläufe zu erkunden. Wäre alles wundervoll, wenn es kein Covid gäbe und der gute Präsident Macron nicht für den Monat April einen landesweiten Lockdown verhängt hätte. Man darf in Frankreich nun nicht mehr überregional reisen und darf sich nicht weiter als 10km von seinem Wohnsitz entfernen. 1 Monat lang! Ach ja, und nachts gilt eine Sperrstunden von 19 – 7 Uhr. Inzwischen wurde kommuniziert, dass die 10km-Regel auch für Sportboote gilt. Das bedeutet, wir müssen (müssten!) ebenfalls 4 Wochen an einem und dem selben Ort bleiben. Das ist für einen Freigeist wie mich (Andy) nicht einfach, aber es scheint, als habe uns die Pandemie doch noch eingeholt. So haben wir uns für den April Vannes ausgesucht, ein schönes, bretonisches Städtchen mit einem Hafen mitten in der Stadt und sind nun auf dem Weg dahin. Heute haben wir die 10km-Regel schon mal um das 10fache gebrochen und ankern vor einem traumhaften Strand auf der Insel Houat. Morgen machen wir dann die letzten 50km bis Vannes.

Ankerbucht auf der Ille de Houat. Nur noch ein anderes Boot trotzt dem Lockdown.

Zum ersten Mal mussten wir wegen der Pandemie auf unserer Reise einen Törn absagen, leider genau den Besuch von einigen unserer Kinder (Timon, Beni & Tanja). Das ist bitter aber nicht zu ändern. Einen Ausbildungstörn, der auch im April in Frankreich hätte stattfinden sollen, konnten wir auf anfangs Mai verschieben. Wer weiss, vielleicht ist der Lockdown dann hier zu Ende und wir können wieder weitersegeln.